Florenz Heldermann

Ein Untertitel, der mich treffend beschreibt. Unbedingt vor Livegang austauschen

Nachdem ich letztens Foundation las, habe ich mich noch etwas weiter mit dem Autor Isaac Asimov beschäftigt, Eine recht große Bibliographie hat der Mann. Soviel Bücher und Reihen. Und dabei wollte ich doch eigentlich nur wissen wie man nach Foundation am besten weiterlesen kann.

Schliesslich gibt es noch zwei Sequels. Und dann noch zwei Prequels. Und dann noch die Imperium Bücher, welche wiederum ein Prequel zur Foundation Reihe sind - welche, wie ich zwei Sätze vorher bereits erwähnte, bereits zwei Prequels haben. Und dann gibt es noch die andere große Reihe: Robots. Und diese wurden im nachhinein dann auch mit der Empire/Foundation Reihe verbunden. Rückwirkende Kontinuität heisst das wohl. Oder Retcon wie die coolen Kids sagen.

All dass las ich und meine eigentliche Frage war - was les ich denn jetzt als nächstes? Ich kann ja nicht einfach IRGENDEIN Asimov Buch als nächstes beginnen. Geht ja garnicht.
Also:
Les ich jetzt nach Datum der Veröffentlichung? Also so wie Asismov und alle Leute "damals" die Geschichten auch verfolgt haben?
Oder Chronologisch? Also direkt mit der Robots Reihe beginnen? Und dann Empire. Und dann die Foundation Prequels? Und dann die die Foundation Sequels? Auch dumm. Sind jetzt auch gefühlte 200 Bücher die ich lesen müsste, nur um zu erfahren wie es in der Foundation weiterging.
Oh Mann. Soviele Entscheidungen [1].

Also, erstmal der Plan: Ich fange mit Robots an, genauer gesagt der Kurzgeschichtensammlung "The Complete Robot" welche FAST [2] alle Robots Kurzgeschichten Asimovs beinhalten und bekomme so einen groben Überblick über sein Denken und Schreiben und gucke dann wie es weiter geht. Da hier Geschichten aus über 40 Jahren seiner Karriere gesammelt sind, sollte das vermutlich reichen.

The Complete Robot - Isaac Asimov

Highlights mit ⭐ gekennzeichnet.

Part 1: Some Non-Human Robots

Ein leichter Einstieg direkt aus der Kategorie "Sonstiges"

  • A Boy's Best Friend (1975) - Nett. 2,5 Seiten lang ziemlich "nett". Genau genommen eigentlich auch die Kurzfassung von Robbie, die ich auch ganz nett fand.
  • Sally (1953) ⭐ - Nicht Teil der Asimov Robots Continuity, befolgt keins der Roboter Gesetze und wird zum Ende sehr düster. Diese Story könnte fast schon ein Steven King Frühwerk sein. Schade dass sie so frueh im Buch kommt. Am Ende haette ich eine Geschichte die ausserhalb der "Three Robotic Laws" handelt besser gefallen.
  • Someday (1956) - Unspektakulär.

Part 2: Some Immobile Robots

Geht eigentlich eher um Computer als um Roboter, was Sinn macht, da alle Geschichten in den 70ern entstanden sind. Je groesser der Computer damals, desto klüger. Und in den drei Geschichten geht es um einen sehr klugen Computer. Irgendwie. Das Beste an diesem Part ist, dass er relativ kurz ist. Und ziemlich vergessenswert

  • Point of View (1975) - Meh.
  • Think! (1977) - Mehr Meh.
  • True Love (1977) - When Tinder goes wrong. Unterhaltsam. Und einer der wenigen Stories in diesem Buch aus der Sicht eines Computers/Roboters.

Part 3: Some Metallic Robots

Weg von elektrischen Toastern, Autos und Hunden, endlich mal klassische Roboter. 50er Jahre SciFi Roboter! Besser aber den Hype etwas herunterfahren. Victory Unintentional war grossartig, alles rundherum eher mittel.

  • Robot AL-76 Goes Astray (1941) - Irgendwie Comedy, bloss in unwitzig. Alle Figuren verhalten sich irrational. Und das Ende hat ein riesiges Logikloch. Spoiler in Fussnote [3].
  • Victory Unintentional (1942) ⭐ - Robots vs. Jovians. Liebe es ja wenn sich ein Autor in Vintage Science Fiction ausserirdisches Leben auf Jupiter, Mars oder sonstigen "nahen" Planeten in unseren Sonnensystem annimmt. Das Mysteriöse war damals noch so nah und unerforscht. Abgesehen davon, war die Story ganz amüsant geschrieben, wenn auch etwas vorhersehbar.
  • Stranger in Paradise (1974) - Halb gelesen und leider die erste Geschichte die ich dann geskippt habe.
  • Light Verse (1973) - Interessant, wirkt wie ein Prototyp der "Bicentennial Man" Geschichte
  • Segregationist (1967) - Die Geschichte war so unspektakulär dass ich 2 Stunden nach dem Lesen nochmal nachschauen musste worum es überhaupt ging.
  • Robbie (1940) - Asimovs Robotererstling. Würde hier aber nicht zuviel erwarten. Ganz nett, aber mehr auch nicht.

Part 4: Some Humanoid Robots

REPLIKANTEN!!!!11111111

  • Lets Get Together (1956) - Irgendwie nett, weil sehr vage. Ein bisschen Cold War Fiktion. Und es scheint, genau wie Sally, ausserhalb der Asimovs Kontinuitität zu spielen. .
  • Mirror Image (1972) - Nicht gelesen, wird nachgeholt, sobald ich Caves of Steel und Naked Sun gelesen habe, da diese Geschichte eine Fortsetzung dieser Bücher scheint. Text hol ich dann vielleicht nach.
  • The Tercentenary Incident (1976) ⭐ - Ein mysteriöses Attentat und seine Folgen. Fand ich sehr interessant, auch im Erzählstil.

Part 5: Powell and Donovan

Ich hab hier die erste und zweite Geschichte angefangen, aber sehr schnell keine Lust auf diese beiden Charaktere gehabt. Und komplett übersprungen. Generell war ich hier nach vielen durchwachsenen Geschichten kurz davor dieses Buch nicht zu beenden.

  • First Law (1956) - ....
  • Rounaround (1942) - ....
  • Reason (1941) - ....
  • Catch That Rabbit (1942) - ....

Part 6: Susan Calvin

Susan Calvin ist eine Robopsychologin und vermutlich die wichtigste Protagonistin in Asimovs Robotik Frühzeit. Ihre Geschichten alleine machen fast 1/3 des Buches aus und auch außerhalb taucht sie gelegentlich auf oder wird erwaehnt. Wie z.B. in Asimovs erster Roboter Geschichte Robbie. Im Vorwort dieses Teils sagt der Autor selber, dass er sehr schnell wusste dass Susan Calvin ein Charakter sein wird mit dem er noch sehr viel Zeit verbringen wird. Und auch bewusst (im Kontext der 50er Jahre) als dominante und emanzipierte Frau dargestellt wurde. Kann ich generell nachvollziehen, denn Susan wird eher als soziophob darstellt in dem Sie Roboter den Menschen vor zieht, und ihre Beweggründe sind nicht immer nachvollziehbar. oder verständlich. Definitiv ein Charakter aus der Grauzone und hat Spass gemacht ihr zu folgen.

  • Liar! (1941) - Eigentlich unterhaltsam gewesen, aber mich stört immer noch dass scheinbar keiner weiß wie Roboter funktionieren, sie eine Blackbox zu sein scheinen. Jedenfalls gab es einen Produktionsfehler und ein Roboter kann jetzt Gedanken lesen. Ist jetzt so. Jedenfalls ein Setup um die Logik des ersten Robotergesetzes ("Keinen Menschen aktiv oder durch Untaetigkeit schaden") um den Faktor "Gefühle verletzen" zu erweitern.
  • Satisfaction Guaranteed (1951) - Ja. war dumm. Am besten skippen.
  • Lenny (1957) - Noch duemmer als die vorherige Geschichte, nur mit noch mehr 50s Sexismus und Chauvinismus.
  • Galley Slave (1957) - Ein Roboter vor Gericht. Hatte gute Ansätze, war am Ende dann aber doch etwas enttäuschend.
  • Little Lost Robot (1947) - Falls sich noch wer an den Film I, Robot von vor vielen Jahren erinnert, der Film basiert teilweise auf dieser Kurzgeschichte. Witzige Grundidee: Roboter verschwindet weil jemand "Get lost" zu ihm sagt, danach wurde es aber etwas meh.
  • Risk (1955) - Indirekte Fortsetzung von "Little Lost Robot". Indirekt auch belanglos. Einige Dialoge und Entscheidungen schaden hier auch dem Charakter Susan Calvin im nachhinein und war danach weniger sympathisch für mich.
  • Escape (1945) - Ein Mashup. "Powell und Donovan x Susan Calvin". War in Ordnung. Am Ende ging meine Augenbraue etwas nach oben, aber wurde gut unterhalten.
  • Evidence (1946) ⭐ - Nach Tercentenary Incident die zweite Story die Roboter und Politik mischt (wobei diese zuerst geschrieben wurde). Ein Politiker unterstellt einem Rivalen dass er ein Roboter ist und Susan soll es nachvollziehbar klarstellen, und zwar mithilfe der drei Robotergesetze. Und hier wird es lustig. Wenn sich jemand genau an diese drei Robotergesetze hält ist man entweder ein Roboter, oder einfach ein guter Mensch.
  • The Evitable Conflict (1950) ⭐ - Indirekte Fortsetzung zu Evidence. Die Weltwirtschaft und Produktion wird mit vier Maschinen gesteuert, welche Daten aus einer der vier Weltregionen berechnen und die Prozesse dementsprechend steuern. Jetzt gibt es eine steigende Fehlerquote, eine seltsame "Humanistenliga" und der Verdacht der Sabotage. Susan Calvin interviewt jetzt Ansprechpartner aus allen vier Regionen und versucht den Knoten zu lueften. Vielleicht die zweitbeste Geschichte im ganzen Buch, Calvins Schlussfolgerung trifft den Nagel auf dem Kopf und alles macht innerhalb der Asimov Welt Sinn. Toll.
  • Feminine Intuition (1969) - Susan wird nach einem Problem was viel zu viel Setup hatte aus ihrem Ruhestand geholt und löst das Problem in 20 Minuten. Ja. ok.

Part 7: Two Climaxes

Als ich Part 5 uebersprungen habe, wollte ich eigentlich aufgeben. Ich dachte mir dass "The Bicentennial Man" noch gelesen werden kann, einer der wenigen Kurzgeschichten von Asimov die man irgendwie "schonmal von gehoert hat", und dann gehts ab ins Regal. Mit einem Verriss bereits im Hinterkopf. War nichts, Bicentenial Man war grossartig und schliesst rueckblickend viele Geschichten ab, geht noch etwas auf die Lore der Asimov Robotikwelt ein und war auch so einfach mal spannend grossartig. Ein Level dass ich mir vorher schon irgendwie erhofft habe.
Laut Asimovs Vortwort zu diesem Teil sind dies die beiden Geschichten die Asimov urspruenglich vermeiden wollte. Sogenannte "Robot as Pathos" und "Robot as a Menace" Geschichten.

  • ...That Thou Art Mindful of Him (1974) - ⭐ Gemeine kleine Geschichte die sich sehr stark mit den drei Robotergesetzen beschäftigt, genauer wie diese ausgehebelt werden können.
  • The Bicentennial Man (1976) ⭐ - Das Highlight dieses Buches, laut Asimov selber auch seine beste Robotergeschichte. Im Kontext dieses Buches kann ich bestätigen. Oberflächlich geht es um Roboter der ein starkes Bewusstseit entwickelt und nach Menschlichkeit strebt. Dahinter geht es um Humanismus, Gleichberechtigung und die Frage was uns Menschlich macht. Später hat Asimov diese Geschichte unter den Namen The Positronic Man nochmal als Roman ausgebaut, welcher dann auch 1999 mit Robin Williams, wieder, unter dem Titel Bicentennial Man (Deutsch: Der 200 Jahre Mann) verfilmt wurde.

Das wars. Wir sind durch. Mit dem Buch, als auch geistig. Wie Asimov sich bei seinem Lesern am Ende bedankt dass diese bis zum Ende durchgehalten haben, muss ich mich wohl jetzt bei meinem Hirn bedanken dass es durch soviele qualitative Ups and Downs navigieren konnte.

Wenn ich eins gelernt habe, dann dass ich absehbare Zeit vermutlich erstmal keine Kurzgeschichtensammlung mehr anpacken möchte. Eine Kurzgeschichte gelegentlich ist ja ganz nett. Ein kleiner Snack ohne viel Tiefgang. 30 Kurzgeschichten am Stück wieder sind Overkill für mich. Ich hasse es wenn ich mich nicht an Charaktere und Settings gewöhnen zu können, es kaum Charakterentwicklung gibt und diverse Plottwists bereits ab Seite 1 erkennbar sind. Und dann wurde das Buch gegen Ende einfach mal viel besser.
Mit Susan Calvin gab es eine halbwegs spannende Figur, allmählich wurde ein roter Faden sichtbar der sich durch (fast) alle Geschichten zieht und es baut sich eine gewisse Lore über die Welt auf. Und Bicentennial Man war ein super Abschluss.

Aber ich bin mir nicht sicher ob es dass wert war sich durch soviele qualitativ schwankende Geschichten zu arbeiten. Falls also jemand vor demselben initialen Problem der Unentschlossenheit steht wie ich und nicht weiss wie er die Asimov Bücher angehen soll, mein Rat: Ja, man kann mit The Complete Robot beginnen, aber es ist keine Schande nur die guten Stories zu lesen.
Nichts von Interesse ist verloren wenn man die anderen Stories überspringt.
Jedenfalls ist das meine aktuelle Sicht, ich werde diesen Beitrag vielleicht nochmal anpassen wenn ich mich an die Hauptbücher der Robots Reihe herangetastet habe, welche wie immer bereits hier im Regal stehen.


  1. Und Nein, dieser Gedankengang ist nicht ausgedacht und entspricht mehr oder weniger genau meinem Hirn. Sowas stresst mich auf sehr vielen Ebenen. Trauriger Emoji ↩︎

  2. Vor diesem Band gab es zwei andere Sammlungen, zum einen "I, Robot" und "The Rest of the Robots". Dieses Buch vereint diese beiden, lässt aber Verbindungsstories aus I, Robot weg. Ausserdem fehlen noch die Geschichten die geschrieben wurden, nachdem es publiziert wurde. Macht Sinn. ↩︎

  3. Ein Roboter der ein wahnsinnig tolles Gerät baut, einmal nutzt, dann zerstört und dann die Erinnerung daran löscht. Da dieser Bot gerade erst eingeschaltet wurde und somit keine externen Einfluss oder Einsicht auf das Bauen des Geräts gibt. Lass es ihn doch einfach nochmal bauen. Was soll denn anders werden? Kann auch sein dass ich Asimovs Positronic Gehirne noch nicht verstanden habe. ↩︎

Offensichtlich habe ich dieses Jahr viel gelesen. Und dazu noch viel Musik gehört. Musik in den MPC geworfen, andere Musik rausbekommen. Fahrrad gefahren. Mir das Longboarden angeeignet. Wenn man dann die Zeit für Job mit hinzurechnet, blieb einfach kaum Zeit für andere Dinge, Dinge die ich sonst auch gerne mache. Wie Netflix schauen. Oder Videospiele. Und eigentlich mag ich Videospiele. Sogar ziemlich gerne.

Und was ich auch mag sind interessante Narrativkonstrukte - wie z.B. Zeitreisen. Und gerade wurden zwei Spiele veröffentlicht die sich genau darum drehen, genauer - mit einer Zeitschleife, ähnlich Groundhog Day. Oder thematisch besser, qualitativ aber deutlich schlechter: Boss Level.

Zeitschleifen sind jetzt kein neues Konzept. Um ganz abstrakt zu beginnen - selbst Super Mario Land, wenn wir es als Prototyp für ein populäres Videospiel abseits der Arcades sehen, handelte in einer Zeitschleife. Wait what? Bist du betrunken?
Das Dilemma eine Videospiel Antagonisten ist, dass egal wie er sich anstrengt, der Protagonist mit unendlichen Möglichkeiten auf kurz oder lang gewinnen wird. Ein Dark Souls Boss kann noch so schwer sein, mit dem richtigen Commitment des Spielers wird er unausweichlich irgendwann das zeitlichen segnen. Nennen wir es den Dormammus Effekt. Und das beschreibt eigentlich jedes Action-fokussierte Spiel - seit dem Zeitpunkt an dem Videospiele aus der Arkaden befreit worden sind und Helden unendliche "Leben" haben. Gegner handeln immer gleich, und haben nicht das Vorwissen was wir haben. [1]

Was bisher aber kaum gemacht wurde: Dem Protagonisten selber das erlangte Wissen der vorherigen Trial & Error Versuche geben und ihn und nicht den Spieler darauf reagieren und dementsprechend anders handeln zu lassen. Seltsam, da Filme wie Source Code oder Edge of Tomorrow[2] die sich stark von Videospielen inspiriert haben lassen, genau dieses Thema umsetzen (entweder als Thriller oder als Action-Geschnetzel) und zeigen dass es eine Menge Potential hat ... selbst wenn Tom Cruise mitspielt.

Wir sind immer noch in der Einleitung? Ich dachte es geht hier um Videospiele, ey!!!!!1111 Ja, ok. Jetzt gehts los.

12 Minutes

12 Minutes ist ein Adventure-Thriller von Nomada Studio/Annapurna Interactive. Aus der Topdown Perspektive erleben wir, dass ein Abendessen mit der Ehefrau zum Alptraum wird als ein Polizist auftaucht und der Abend wenige Minuten später mit Fingern um den eigenen Hals endet. Und dann beginnt der Moment erneut, genau 12 Minuten vorher mit dem Betreten der Wohnung und einem verwirrten Protagonisten.

Schaut man sich die Story alleine und ihre Struktur an, dann ist 12 Minutes großartig und schafft es einen am Ball zu halten. Es gibt kleine Twists und wir erfahren Stück für Stück weitere Details der Hintergrundgeschichte, ohne Rückblenden - alles in Dialogform. Zwar das Gegenteil von "Show, don't tell", klappt in diesem Kontext aber wunderbar. Und die Dialoge sind von James McAvoy, Daisy Ridley und Willem Dafoe großartig vertont. Würde man das Spiel einfach in Videoform (mit fehlerfreien Spielstil) anschauen, erlebt man ein kleines Theaterstück dass von vorn bis hinten unterhält. [3]. Zumindest mich. Und spielerisch?

12 Minutes

Das Spiel hat eine eingeschränkte Szenerie von 3 Räumen: Wohnzimmerküche, Badezimmer, Schlafzimmer. Und den wohlmöglich wichtigsten Raum: Der Wandschrank. Das Paar scheint noch nicht lange in der Wohnung zu leben, da es kaum Dinge zum interagieren gibt. Die Gegenstände die aber da sind, kann man untersuchen, kombinieren und ggf seiner Frau oder dem Antagonisten zeigen [4]. Ständig mit einem Zeitlimit von 12 Minuten.

Und das ist die Crux - 12 Minuten sind nicht viel Zeit, vorallem wenn man es in die Abschnitte "Zeit mit Ehefrau" / "Interaktion mit Killer" aufteilen muss. Und hat ein Versuch in der zweiten Sektion nicht geklappt, muss man alle Dialoge und Interaktionen so schnell wie möglich wiederholen und dann warten bis es an der Tür klingelt. Einige Dialoge lassen sich dann skippen, einige nicht, irgendwann steht man einfach im virtuellen Wohnzimmer und browst im echten Wohnzimmer im auf Reddit bis es virtuell an der Tür klingelt.

12 Minutes

Sollte man dann aber etwas rausgefunden haben, bietet sich dann z.B. an einer anderen Stelle dann eine neue Dialogmöglichkeit an, allerdings ist nicht immer klar wo wir diese einsetzen können. Der Protagonist hat etwas herausgefunden, wir, der Spieler, allerdings nicht und setzt einen wieder in einen Trial and Error Loop.

Das Spiel ist, je wie man sich anstellt, in 3-4 Stunden durch - wenn man direkt alles richtig macht ca. 45 Minuten. Länger hätte es auch nicht sein dürfen, dafür bietet das Szenario und Umgebung zu wenig Abwechslung und bleibt eindeutig hinter seinem Potential, was sehr schade ist. 12 Minutes beschneidet sich durch seine eingeschränkten Interaktionsmöglichkeiten und viel zu kleinen Map und einem Zeitlimit, dass eigentlich garnicht notwendig ist, leider selbst. Dazu kommen einige unklare Situationen und zuviel Trial and Error, welches Experimente und Fehler mit einer "Zeitstrafe" kontert .

Ich habe das Spiel im Rahmen des Microsoft Gamepass for PC gespielt. Und dafür war es gut. Hätte ich die 20 Euro auf Steam bezahlt, dann hätte ich mich aber wohl doch etwas geärgert.

Deathloop

Der Spieler wird ins kalte Wasser geschmissen und weiss am Anfang genauso viel wie der Protagonist. Amnesie. So weit, so abgedroschen. Man wacht am Strand auf, ist verwirrt und der ein Tutorialtext in der Landschaft sagt uns, dem Spieler, was wir zu tun haben - und der Protagonist sieht diesen Text auch. Wir laufen noch etwas durch die Gegend und erfahren dass wir in einer Zeitschleife stecken, und zwar schon seit sehr langer Zeit.

Die Zeitschleife von Deathloop wird von einer Gruppe Personen am Leben erhalten. Sind nicht alle Personen tot, bevor der nächste Loop beginnt, fängt alles wieder von vorne an. Wir müssen also einen Weg finden alle Personen am effizientesten um die Ecke zu bringen.

Deathloop wurde von Arkane entwickelt und ist bereits das vierte Spiel in Folge was ich ohne zu Zögern weiter empfehlen würde. Das liegt u.a. daran dass Arkane nicht nur sehr viele Liebe in Leveldetail und Artwork (Ich liebe den viktorianischen Comiclook und Artstyle der Dishonored Spiele) stecken, sondern auch dass gleichzeitig viele Spielstile möglich sind, man schnell zwischen diesen wechseln kann und ein so hoch dynamisches Gameplay entsteht. Dazu ist die Art des Storytelling - Audiologs, Gespräche, Leveldesign - stark an Spielen wie Systemshock, Deus Ex oder Bioshock angelehnt. Arkanes letztes Spiel Prey kann man sogar als spirtuellen Nachfolger dieser Spiele bezeichnen. [5].

Deathloop - © Arcane Studios

Das erste was dem Spieler auffällt ist der Look. Das Spiel sagt nicht in welchem Jahr es spielt, und ob es überhaupt auf unserer Version der Erde, oder einer Fantasywelt mit ähnlicher Geschichte - wie bspw. in Dishonored - spielt. Aber unabhängig davon ist in dieser Welt gerade 70s und die Optik eindeutig an Exploitation, genauer sogar Blaxploitation inspiriert. Shaft und Foxy Brown lassen grüßen.

Das eigentliche Gameplay: Keine 12 Minuten, sondern ein ganzer Tag. Und im Gegensatz zu 12 Minutes ist die Zeitspanne in Deathloop eher abstrakt. Es läuft kein Timer oder wird sonst ein Zeitdruck aufgebaut. Vielmehr ist der Tag in vier Zeitabschnitte unterteilt - Morgens, Mittags, Nachmittags, Abends. Dazu gibt es insgesamt 4 Karten (und eine Tutorialkarte) die wir zu den verschiedenen Tageszeiten besuchen können und sich zu jeder Tageszeit unterscheiden.

Und hier wird es clever: Jede Map hat eine kleine eigene Geschichte. Sehen wir auf der Stadtkarte am morgen noch Unmengen an Kisten, werden diese im Laufe des Tages ausgepackt und am Abend steht eine Bühne dort. Gleichzeitig werden dadurch neue Möglichkeiten der Fortbewegung geschaffen oder neue Türen geöffnet. Und dann gibt es noch Questlines die uns zwingen eine alle Maps zu verschiedenen Uhrzeiten zu besuchen um an Informationen zu kommen. Oder Dinge am Morgen zu ändern, damit bei einem Besuch am Nachmittag etwas anders ist [6]
So kommt es dass wir immer und immer wieder dieselben Karten spielen, nur mit wechselnden Intentionen. Klingt jetzt erstmal nach einem Grindfest, macht aber durchaus Sinn. Das dynamische Gameplay mit knallharter Shooter und Stealthmechanik ohne Zwang macht einfach Spass. Waffen fühlen sich richtig gut an (obwohl ich nichts gegen etwas mehr Auswahl gehabt hätte) und die Mana-Fähigkeiten ergänzen das Gameplay. Ich hab größtenteils auf "Verkettung" und "Teleportation" gesetzt, und andere Fähigkeiten teils garnicht benutzt. Man könnte also sagen dass die Fähigkeiten nicht ganz ausbalanciert waren, aber ich kann hier nur von meinen Spielziel sprechen [7]

Deathloop - © Arcane Studiosg

Und hier kommt die gleiche Problematik wie bei 12 Minutes ins Spiel. Das einzige was über die Zeitschleife mitgenommen werden kann ist Wissen. 12 Minutes lässt das Wissen beim Spieler, was dazu führt dass dieser immer wieder die gleichen Dialoge abspielt. Deathloop teilt die Verantwortung und lässt den Protagonisten selber Verbindungen herstellen. Wir sehen wie Ereignisse verknüpft werden und bekommen Schlussfolgerungen. Der Protagonist merkt sich gefundene Codes eigenständig und ich hab z.B. nur ein oder zwei mal selber einen Code in ein Türschloss eingegeben. Das sind die Quality of Life Dinge die ich mir auch in 12 Minutes gewünscht hätte.
Leider mit dem Nachteil dass die Geschichte dadurch linearer wird. Die Reihenfolge in der Infos gefunden werden können ist beliebig, aber alles läuft auf einen finalen Plan hinaus. Hier wären ein paar alternative Ansätze schön gewesen

Und wo ich schon am meckern bin - aus irgendeinem Grund bleiben nach dem Abspann noch vielzuviele Fragen offen. Ich denke ich habe alles gelesen und gehört was das Spiel zu bieten hat, aber am Ende waren noch ein paar essentielle Fragen offen. Nicht "Cliffhanger" offen, sondern einfach nicht beantwortet. Spoiler in Fussnote [8].

Und eine Anmerkung zum Multiplayer - das andere Spieler in mein Spiel einbrechen können ist cool. Da ich aber mit dem Controller gespielt habe, war ich leider immer etwas gehandicapt, weswegen ich meine eigenen Invasionen auf KI umgestellt habe. Aber wenn ich selber eine Invasion gestartet habe (leider mit langen Wartezeiten) hatte ich Spass und selbst Failure wird durch das Spiel mit Punkten belohnt. "Du hast 20 Minuten überlebt, weil der andere Spieler sich versteckt oder dich ignoriert hat? Hier, Punkte und ein Skin für dich. Durch eine Granate getötet? Schade, hier Punkte für dich, have fun!".

Also alles in allem - ich mochte Deathloop. Sogar sehr, das Gameplay und Storykonstrukt hat mich sehr gefesselt und war eine der besten Storydriven Singleplayer (FPS) Erfahrungen seit Bioshock Infinite für mich.

Und ja, es ist furchbar unfair die beiden Titel zu vergleichen. Es ist klar dass ein AAA Titel eines renommierten Studios eine kleine Indieproduktion wegfegt. Aber ich fand interessant wie beide Teile sich mit ähnlichen Problemen beschäftigt haben. Und beide waren auf ihre Art und Weise eine Erfahrung.


  1. Bioshock und Prey haben das aufgegriffen und den Levelreset gleich entfernt und jeden bereits besiegten Gegner gleich komplett totgelassen, da der Protaganist einfach "neu erschaffen" wird. Liebe Videospiel Bad Boys, hier ein Lifehack: Solltet ihr in einem Dormammus Dilemma sein, baut doch erstmal alle VitaChamber ähnliche Dinge ab. ↩︎

  2. Oder "Live, Die, Repeat". Oder "Edge of Tomorrow: Live Die Repeat". Oder "All you need is kill". Ehrlich, wie heisst der Film jetzt eigentlich? ↩︎

  3. Ausserdem gibt es gleich 2 geheime Enden, die nach dem Abspann noch freigeschaltet werden können. Was sehr schade ist, denn ohne diese fühlt sich das Spiel nicht komplett an. ↩︎

  4. Und dass ist furchtbar inkonsistent. Weigert sich die Hauptfigur in den ersten Loops nachvollziehbar seiner Frau etwas anzutun [4], hat er später kein Problem damit mit dem Messer auf sie einzustechen, einfach so. Ohne neues Wissen. Und dabei wollte ich ihr nur das Messer geben, weil ich ihr vorher auch eine Menge an Gegenständen für eine andere Situation gegeben habe. ↩︎

  5. Psychoshock wäre sogar ein besserer Name gewesen, aber warum es Prey heisst ist ein ganz andere Geschichte. ↩︎

  6. Ganz unpassender Vergleich: Day of the Tentacle. Erinnert ihr euch daran wie wir im Jahr 1776 den Entwurf der amerikanische Flagge durch ein Tentakelkostüm ausgetauscht haben, nur damit wir in der entfernten Zukunft einen Schönheitswettbewerb gewinnen können? Genau sowas machen wir im Spiel. Bloss vielleicht weniger lustig. ↩︎

  7. Und ich bin jemand der in Skyrim immer wieder "neue Sachen" ausprobieren will, dann aber doch Sneaky Stealth Archer werde. ↩︎

  8. Wer "schreibt" die Nachrichten? Wieso soll der Loop gebrochen werden? Wie kommen die anderen, alternativen Protagonisten in unsere Welt? Wieso tragen die Eternalisten alle Masken?Warum erinnern sich nur Juliette und Colt an die die Loops, aber nicht die Schlüsselfiguren? ↩︎

Inhaltswarnung: Der folgende Text behandelt u.a. auch das Thema Suizid / Freitod.

Ich hab damals Tschick gelesen und fand es auch ganz gut. Wusste eigentlich nichts über den Autor Wolfgang Herrndorf. Wusste nicht dass er, während er das genau dieses Buch schrieb, bereits mit einem bösartigen Hirntumor diagnostiziert war. Wusste nicht dass er darüber auf seinem Blog "Arbeit und Strukur" schrieb - seinem Alltag, seine Gedanken mit dem Tod und dem Leben, seine Träume. Wusste nicht dass er sich im August 2013 das Leben nahm.

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Vorab direkt das Fazit, ich weiss nicht wie ich dieses Buch beschreiben soll. Aber ich weiss, dass das letzte was ich möchte eine Zahl zwischen 1-5 (in Form von Sternen) [1] ans Ende hänge. Ich möchte nicht die letzten Jahre eines sterbenden Menschen bewerten. Wirklich nicht. Falls sich jetzt aber jemand fragt ob man das Buch lesen sollte - dann hätte ich ein klares "Ja, dieses buch sollte jeder gelesen haben [2]" als Fazit.

Ab jetzt kann man auch hier mit dem Lesen aufhören und entweder auf dieser hervorragenden Seite mehr über den Autor erfahren oder das Buch direkt besorgen. Ab jetzt gibt es nur noch ein paar Textauszüge, denn ich habe tatsächlich irgendwann meinen Textmarker rausgeholt und angefangen alles was mir gefällt, nachschlagen will, oder ich kritisch sehe wild anzumarkern.

Also: Dieses Buch hat mich fertig gemacht. Herrndorf dokumentiert ab dem Moment seiner Hirntumor Diagnose, schreibt über den Tod, über ärztliche Diagnosen, den langsamen Verlust geistiger und physischer Kräfte und am meisten über das Leben im Kontext all dieser Dinge. Und hat eine so objektiven, nüchternen Stil, fast erschreckend. Immer wieder der Gedanke "Wie wäre ich mit der Situation umgegangen?" und ich kann jeden Moment des initialen Wahnsinns nachvollziehen, das Flüchten in die Ablenkung und das langsame Durchdrehen.

"Beim Ankleiden sehe ich im Badezimmer das Pinguinkostüm herumliegen [...] und schlage vor, es auf dem Gang in die Psychiatrie zu tragen. Wenn man sich einmal im Leben schon selbst dort einliefert, scheint mir, dann richtig. Ausserdem, vermute ich, wird es ein paar Formalitäten ersparen." - Seite 146, oder hier

Wolfgangs Herrndorf brauchte nach einer manischen Episode eine Möglichkeit sich abzulenken. Dies machte er mit dem Schreiben von 2,5 Romanen und den Führen eines Blogs, der auch heute noch existiert.

"Und wenn mein Entschluß, was ich machen wollte, nicht schon vorher festgestanden hätte, dann hätte er nach diesem Telefonat festgestanden: Arbeit. Arbeit und Struktur" - Seite 114, oder hier

Immer wieder das Setzen von alltäglichen Dingen in den Kontext des eventuell Ablebens:

"Und dann triggert der Fahrer unbeabsichtigt den nächsten Anfall: Ich habe die Dämonen von Dostojewskij empfohlen, er empfiehlt im Gegenzug Fernando Pessoa, und meine Gedanken laufen wie folgt: Ich werde Pessoa nicht lesen, mein Leben ist zu kurz, ich lese nur noch Bücher, die wirklich gut sind, diesen Pessoa kenne ich nicht, kann sein, daß das gut ist, kann aber auch sein, daß ich damit meine Zeit verschwende, ich kann mich auf das Urteil eines mir unbekannten Taxifahrers nicht verlassen, also lese ich das nicht, ich werde Pessoa niemals lesen, mein Leben ist zu kurz, zu kurz – Panikanfall." - Seite 137, oder hier

"[...] denn wenn man am Hirn operiert werden soll und möglicherweise nur noch eine zweistellige Zahl von Tagen zu leben hat, muss unbedingt ein Tag damit verbracht werde, sich ein rosarotes Papier vom Arzt ausstellen zu lassen, dass dann auf die AOK-Geschäftsstelle gebracht und abgestempelt werden muss, wo dreißig Leute in einem stickigen Wartesaal warten und durcheinanderreden [...]" - Seite 249, oder hier

Herrndorf nimmt immer wieder Stellung zu damals aktuellen Themen, wie Fukushima, Christian Wulf oder die Beschneidungsdebatte. Und zwischendurch gab es dann solche Sätze, die mich in ihrer fundamentalen Wahrheit wohl ab jetzt bei der Diskussion bringen kann.

"Das Unangenehme an dieser ganzen Beschneidungsdebatte schon wieder, dass es genau wie beim Frauenwahlrecht, dem Schwulenparagraphen, dem Rauchverbot, der Sterbehilfe oder der Einführung der fünfstelligen Postleitzahlen eine von Anfang an klar erkennbare Position der Vernunft gibt, die sich am Ende auch durchsetzt. Was von der Querulantenfraktion Monate, Jahre oder Jahrzehnte verzögert, aber niemals verhindert werden kann. Es ist ermüdend." - Seite 347, oder hier

Herrndorf hätte vermutlich auch diese Meinung zur aktuellen Pandemien und Querdenkern gehabt.

Der einzige Roman den ich bisher von ihm gelesen habe war Tschick. Im ersten Drittel ist das Buch auch ein Einblick in das Leben als Autor und wie er an ein Buch herangeht. Übrigens meist nur als Jugendroman oder Wüstenroman beschrieben. Laut lachen musste ich hier, als er über eine Stelle aus Tschick schreibt:

"Endlich schleppt sich die Romanhandlung raus aus Berlin. Der Lada ist fachmännisch kurzgeschlossen, und grad hab ich die Jungs auf die Autobahn gejagt und mich unter den Tisch gelacht über den Einfall, daß sie keine Musik hören können. In Gegenwartsjugendliteratur ist es zwingend notwendig, die Helden identitätsstiftende Musik hören zu lassen, besonders schlimm natürlich, wenn der Autor selbst schon älteres Semester ist, dann ist die Musik auch gern mal Jimi Hendrix, der neu entdeckt werden muß, und Songtextzitate gehören sowieso als Motto vor jedes Buch. Aber der Lada hat leider nur einen verfilzten Kassettenrekorder. Kassetten besitzen die Jungs logischerweise nicht, und dann finden sie während der Fahrt unter einer Fußmatte die Solid Gold Collection von R. Clayderman, und ich weiß auch nicht, warum mich das so wahnsinnig lachen läßt, aber jetzt kacheln sie gerade mit Ballade pour Adeline ihrem ungewissen Schicksal entgegen. Projekt Regression: Wie ich gern gelebt hätte." - Seite 49, oder hier

Und dann kommen Stellen in den Herrndorf über seine Exitstrategie redet. Und das heisst: Eine konkrete Absicht zur Selbsttötung. Er schaut sich Dokumentation über Sterbehilfen an, effiziente Techniken um die Gefahr eine Überlebens so gering wie möglich zu halten. Immer wieder setzt er diese dann in den Kontext dass es für ihn die letzte Möglichkeit der Selbstbestimmung ist. An manchen Stellen gibt die ungeladene Waffe in der Hand einfach Rückhalt.

"Ich erzähle C. davon, weil wir das Abkommen haben, alles zu erzählen, und dass ich mich, wenn ich wie durch ein Wunder geheilt würde, dennoch erschießen würde. Ich kann nicht zurück. Ich stehe schon zu lange hier." - Seite 355, nicht online.

Diese Stellen sind schwer zu lesen, zum einen wegen des Themas, zum anderen aber dass es in seinem Fall, seinem Anwendungszweck als nicht falsch erscheint. Insbesondere, als der Tumor gewinnt und eine Behandlung nicht mehr viel bringt.

"Zahlen sind komplett weg. Das Kleine Einmaleins ist noch da, weil es nicht Rechnen ist, sondern Erinnerung. Aber Zahlen: Null. [...] Meistens mache ich vier oder fünf Versuche und entscheide mich für das häufigste Ergebnis. Vier identische Zahlen untereinander: Okay, das überweise ich dann jetzt mal an das Finanzamt." - Seite 386, oder hier

"Dramatischer Sprachverfall. Unklar, ob die Worte schon schwinden, oder ob nur Streß. Denn immer wieder gelingen fast fehlerfreie Sätze. Hauptsächlicher Bestandteil, wenn ich das richtig sehe: der Gedanke, Isa nicht fertigstellen zu können. Spätestens letzten Sommer wäre es da gewesen. Zuletzt immer noch manchmal zunehmend schlapp Tage gearbeitet, Material längst genug, kann ich nicht mehr, wird nichts. Jeder Satz im Blog mit größter Mühe zusammengeschraubt. Freunde korrigieren. Mein häufigster Satz in Unterhaltungen: Was ist, was ich sagen will, nicht das, das andere Wort, das ohne mit dem, so was Ähnliches, das, ja, nein, lateinische Wurzel, ja –" Seite 410, oder hier

Auf dem Buchrücken steht ein Auszug einer Kritik die besagt dass dies kein Buch über den Tod ist, sondern ein Buch über das Leben. Und das trifft es eigentlich sehr gut.


  1. Ein Konzept was ich generell gerade überdenke ↩︎

  2. Sofern man sich damit abfinden kann das Herrndorf sehr offen und analytisch über das Thema Suizid spricht. ↩︎

Anstatt meiner üblichen Liste zusammenhangsloser Songs die ich in letzter Zeit gefunden habe - heute einmal was anderes. Eine kleine Reise wie ich einen Haufen (deutscher Künstler) kennengelernt habe. Und das alles auf Basis eine Songs aus dem Jahr 2017.

Schminke ist ein Track von dem Kollaborationsalbum der Sängerin Mine und Deutschrapper Fatoni. Da ich mich bis Anfang des Jahres wenig für deutsche Musik - und noch weniger für Deutschrap - interessiert habe, waren beide ziemlich neu für mich.

Mehr oder weniger durch Zufall bin ich im April diesen Jahres auf dann auf die dritte (und bisher finale) Version des Songs Schminke gestoßen und war fasziniert. Nicht nur dass die Bassline einfach direkt ins Bein geht, da war noch dieser große Haufen von Künstler und verschiedene Stile, man kann sagen ich war intrigued.

In den kommenden Wochen und Monaten habe ich mich immer weiter in diese Bubble reingehört und Stück für Stück eine Menge großartiger Künstler entdeckt und vermutlich hat dieser Track meine musikalische Reise in 2021 erheblich beeinflusst.

Screenshot aus "Schminke" Quarantäne Edition

Schminke - Mine & Fatoni

Chronologisch die erste Version, biografisch (für mich) die letzte Version und in Retrospektive vielleicht auch die langweiligste Version. Nicht falsch verstehen, ich mag den Song, sogar sehr - für sich alleine ist er schon ein Highlight des ganzen "Alles Liebe nachträglich" Albums. Aber besser fand ich was Mine im Nachhinein draus gemacht hat.

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Schminke - Mine und Orchester feat. Allstars

2016 hat Mine eine Crowdfunding Aktion gestartet um ein Livekonzert mit Orchester zu finanzieren. Mit dabei viele Gäste aus ihren bisherigen Songs und so kam es wohl irgendwie dass der Song Schminke stark erweitert wurde und die anwesenden Künstler den Song erheblich erweitert haben. Grossstadtgeflüster erweitern um eine dritte Strophe. Neben dem eigentlichen RapPart von Fatoni gibt es jetzt auch Parts von Textor (Kinderzimmer Productions) und Edgar Wasser. Und Haller und Tristan Brusch verlangsamen das Tempo und machen was ganz anderes. Die Scratches von Ecke Prenz passen erstaunlich gut zum orchestralen Hintergrund.

Alles in allem Gänsehautstimmung. Und nicht ohne Grund der meistgehörte Track des Live Albums auf Spotify. Auf YouTube findet sich auch der Livemitschnitt.

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Schminke - Mine feat. Quarantöne All Stars

Und dann kam im Frühjahr 2020 die Quarantäne Edition des Schminke All-Star Tracks. Keine große Bühne, nur viele kleine Wohnzimmer Videos. Toll zusammengeschnitten. Ich könnte jetzt noch sagen ob ich diese Version, oder die Live Version besser finde. Dazugekommen sind Max Bierhals und Malonda - vorallem Malondas Part ist Gänsehaut.

Um es mit den Worten eines YouTube Nutzers zu sagen: "Ein unfassbares Brett".

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Romcom - Mine & Fatonie

Direkt ein Song von "Alles Liebe nachträglich". Fatoni rappt die Dialoge aus zwei Pärchen Konflikten. Thema 1 ist banal, aber explodiert aufgrund dessen umso heftiger - wird aber, wie jeder Streit der auf schlechten Tagen oder allgemeiner Genervtheit basiert - schnell vergessen sein. Konflikt 2 ist subtil und leise, wird aber vermutlich die Beziehung des Protagonistenpaares auf die Probe stellen. Bei jedem Hören wird mir bewusst wie tief der Song eigentlich ist, wie toll die Szenarien ausgewählt und Ton und Eskalation und Wichtigkeit passen.

Ich mag diesen Stil, es ist weniger ein Song, mehr ein Theaterstück mit viel Kopfkino. Die beiden Situationen sind ziemlich relateable, die Hook bleibt im Ohr.

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Gravitationswellen - Fatoni & Juseju

Wenn ein Track damit anfängt dass sich Til Schweiger als Intellektueller bezeichnet, kann er nicht verkehrt sein. Und ist er auch nicht, ist sogar ziemlich gut. Erwähnte ich eigentlich schon dass ich den Trap Sound eigentlich nicht mag? Nein. Okay. Der Track ist trotzdem groß.

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German Angst - Juse Ju

Ok, der erste Track der nicht direkt etwas mit dem Ausgangssong zu tun hat, aber da ich mit Gravitationswellen bereits bei Juse Ju war, will ich ihn auch nochmal erwähnen. Toller Flow und Stimme, textlich super solide produziert. German Angst ist ein toller Track, aber auch nur exemplarisch, hier könnte auch Gleisbett stehen. Oder Propaganda. Und Berliner Partybullen ist - auch wenn sich fast keiner mehr an diese Randnotiz am G20 Gipfel 2017 erinnert - ein herrlich ironischer Track der mich immer noch amüsiert.

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Fickt-euch-Allee - Großstadtgeflüster

Back to Track. Großstadtgeflüster kannte ich schon vorher und steht jetzt eigentlich nur proforma hier. Bin kein großer Fan und an diesem Track habe ich mich damals sehr schnell "sattgehört". Aber initial hat es mir auch ganz gut gehört, und gelegentlich höre ich ihn immer noch. Hätte ich damals diese "Liedgut" Kategorie gemacht, hätte ich ihn wohl schon längst erwähnt.

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Guten Morgen - Ecke Prenz

Ich mag Instrumental Hiphop, Triphop, Plunderphonic Sound usw. Und ich mag jetzt auch Ecke Prenz. Thats All.

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Aliens - Mine & Edgar Wasser

Der Edgar ist vermutlich der bei mir am schnellsten aufgestiegene Deutschrapper. Ich mag seinen Stil, Stimme und seine Texte. Und ich kann so ziemlich jeden seiner Songs etwas abgewinnen. Bad Boy, Waschechter Künstler, Übertreib nicht deine Rolle oder 44 Bars sind vermutlich ganz gute Tracks zum reinhören. Gerne auch mal in in das Fatoni Kollab Album "Delirium" reinhören, auch wenn ich Trapsound etwas anstrengend finde.

Aliens geht dann auch direkt ins Ohr.

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Das Gegenteil von Gut ist Gut Gemeint - Kinderzimmer Productions

Am Jahresende, wenn Spotify seinen Jahresrückblick raushaut, erwarte ich dass dieser Track irgendwo in den Top 10 ist. Der Track kommt von 1996, ein Zeitpunkt an dem selbst der Vorläufer des heutigen Deutschraps noch in Kinderschuhen steckte und seine Füsse im Untergrund nass machte.
Textors Rapstil ist eindeutig der damaligen Sprechgesang Zeit zuzuordnen, aber hat einen eindeutigen, wiedererkennbaren Stil. Und textlich auch (größtenteils) gut gealtert, alleine die folgende Zeile:

Und diese B-Boys seh'n anscheinend alle gleich aus;
Auf 'nem Fußball-Dress wär'n wenigstens verschied'ne Nummern drauf!

Und dann kommt dieser Jazzbeat, mit dieser fantastischen Bassline. Wenn ich den Track unterwegs höre, wackelt der Kopf automatisch mit. Wenn ich ihn auf dem Longboard höre, fahre ich automatisch kleine Kurven weil ich die Füsse nicht mehr still halten kann. Meine eigene Version des Longboard Dancing [1]

1996 hab ich andere Musik gehört - in Retrospektive würde ich meinen jüngeren Ich jetzt gerne sagen dass er sich bitte ein paar Baggy Pants kaufen und sowas statt seinen Nu-Metal Kram hören soll. Okay, diesen Track hab ich damals schon abgefeiert.


  1. Wieso sollte ich auf dem Board auch besser tanzen als in real life? ↩︎

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Back - Kinderzimmer Productions

Beim Schreiben zum zuvor genannten Song bin ich nochmal auf "Back" gestoßen. Einem Song vom ersten Kinderzimmer Productions Album. Erstens weil ich den Song ziemlich gut finde, und zweitens wegen der Geschichte dahinter. Der Song wurde zuerst auf dem Debutalbum - schlicht self-titled Kinderzimmer Productions genannt - veröffentlich und hat ein Sample aus "Golden Brown" von The Stranglers verwendet. Welches auch von Seiten der Stranglers erlaubt, nach Veröffentlichung des Albums aber durch das Label der Stranglers aber doch nicht gecleared wurde - weswegen der Verkauf des Albums scheinbar eingestellt worden ist. Ich kann zumindest nachvollziehen dass es auf dem Markt war, da bei Discogs ein Eintrag zu der Platte vorhanden sind.

Das Debutalbum wurde dann später unter dem Titel "Die Erste" neu veröffentlicht und der Problemtrack zu "Back - ich bin nur ein Remix!!!" [sic!] umbenannt. Mit einem selbsteingespielten und abgewandelten Sample.

Kurios die Textzeile, welche bereits im Originaltrack war:

Für diesen Sample reißen uns die Stranglers noch die Eier ab

Mehr gibt es dazu nicht zu erzählen. [1] Auf YouTube ist das Originalstück noch zu finden. Hört mal rein.


  1. Gut, ich könnte jetzt noch erwähnen dass den Geto Boys anfang der 90er mit dem Track Gangsta of Love etwas ähnliches passiert ist. Der Track hatte ein Sample der Steve Miller Band, diese waren aber wohl nicht ganz begeistert, als sie den sehr nicht-jugendfreien Text hörten und untersagten die Sample Nutzung. Auch hier wurde das Original vom Markt genommen und das Sample durch Sweet Home Alabama auf einem Re-Release ersetzt. Der neuen Version fehlte jetzt aber der Bezug zum Titel und ist imho deutlich schlechter als der Original Track, sogar irgendwie etwas cringy geworden. Hier der Originaltrack und hier die neue Sweet Home Alabama Version. ↩︎

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Zwei Wunder an einem Tag - Tristan Brusch

Habe mich tatsächlich stark in die Songs von Tristan Brusch reingehört und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich seine alten Tracks nicht mag, aber die neueren Songs mag - zumindest die die dieses Jahr als Single veröffentlicht wurden. Und vorallem dieser Song. Alleine schon wegen dieser explosiven Bridge im im letzten Drittel.

Strophe 2 spricht mich besonders an:

Ich bin ja selber nicht anders
Bin ein besonders lames Exemplar
Selbstoptimierung seit so vielen jahren
Und ich bin immer noch der ich am Anfang schon war
Ich sammel' Herzen, Freunde, Belege, Ideen
Plastik und Kalorien
Sanifair Coupons und Zahnfüllungen
Momente, die werden zu Erfahrungen
Und irgendwann zu Gefühlen

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Alle Songs finden sich auch in meiner Spotify Playlist.

Man könnte sagen dass ich schon inzwischen so etwas wie ein Fanboy bin wenn es um Fredrik Backman geht. Zwei der drei Bücher, die ich dieses Jahr von ihm gelesen haben gehören definitiv zu dem besten was ich in den letzten Jahren vor mir habe. Seine Bücher zeichnen sich durch eine starke Bindung an die Charaktere aus, und selbst die scheinbar langweiligste Nebenfigur kann einen durch Backmans Schreibe ein Lächeln auf das Gesicht zaubern. Augen tränen abwechselnd entweder weil etwas sehr traurig oder lustig sind und meist liegen dazwischen nur ein paar Absätze und ich war teilweise überwältigt was seine Geschichten und Figuren ihn mir auslösen konnten.

Aber wenn man meinen Eintrag zu "Britt-Marie war hier" liest, merkt man auch dass sein Schreibstil und Struktur auf Dauer etwas durchschaubar wird, da er im schlussendlich immer wieder dieselben Kniffe anwendet. Und dann kam dieses Buch daher. Stadt der grossen Träume - oder der bessere englische Titel den ich ab jetzt nutze weil sich dieser nicht wie ein Rosamunde Pilcher Film anhört - Beartown.

Stadt der grossen Träume - Fredrik Backmann

Worum gehts: Die Stadt Björnstadt in Schweden ist eine sterbende Kleinstadt, wie es viele überall gibt. Allerdings ist dieses Städtchen eine Eishockey Stadt - es scheint kaum einen Bewohner zu geben der nicht für diesen Sport brennt. Und jetzt - nach einer lange Durststrecke - geht es auch wieder mit der Profimannschaft der Stadt voran, denn die nachfolgende Generation brennt mit einer ganz neuen Stärke für den Sport und nicht zuletzt ein Mitspieler scheint das Potential zu haben die Björnstadt Bären wieder ganz weit nach oben zu bringen. Und dann passiert etwas was Björnstadt für immer verändern wird.

Hier ein Foto des gesamten ersten Kapitels. Ab dem Moment ist einem klar dass dieses Buch anders wird.

Beartown ist kein Sportroman, es ist die Geschichte einer Stadt die nun mal Eishockey mag, aber eigentlich ihre ganz eigenen Konflikte austrägt. Tatsächlich ist Beartown etwas ganz anderes. Vergleicht man es mit den vorher genannten Büchern des Autoren, merkt man zuerst dass wir hier nicht einem Charakter folgen und auch nicht die Welt aus der (teils eingeschränkten) Sicht dieser einen (Haupt)-Figur sehen, sondern dass man in diesem Buch einer Vielzahl verschiedenster Leute folgt, und dass mit einer tiefen Charakterzeichnung, weit abseits von Schwarz und Weiss [1] und jeder mit eigenen (nachvollziehbaren) Beweggründen für Handeln und Tun.

Backman lässt sich Zeit. Sehr viel Zeit. Es gibt seitenlange Absätze die erklären dass eine Figur gerade einer Tätigkeit nachgeht, aber statt weiter auf diese "Tätigkeit" einzugehen, geht es dann in den folgenden Seiten um Erlebnisse in der Vergangenheit, um Gedankengänge und um Schlussfolgerungen. Und fast die ganze erste Hälfte scheint genauso aufgebaut zu sein. Wir fliegen von einer Figur zur nächsten, teils mit Übergängen und lernen so fast jede Figur erstmal kennen, egal wie unwichtig sie zu sein scheint, lernen auch wie welche Figure mit wem verknüpft ist. [2].

Und dann kam die zweite Hälfte und verändert die ganze Stadt. Den Konflikt auf dem in der ersten Hälfte hingearbeitet und mit diversen Anspielungen des Erzählers vorbereitet wird, fand ich selber jetzt nicht sehr überraschend, aber man merkt einen deutlichen Impact in der Stadt. Wie dieser die Verbindungen und Abhängigkeiten der Figuren beeinflusst, Freundschaften zerbrechen, Konzepte wie Loyalität, Treue, Liebe auf die Probe gestellt werden. Und wenn man den Figuren inzwischen so nahe ist wie man es nach den ersten 250 Seiten war, ist man hooked. Und das war ich auch. Die zweite Hälfte des Buches hab ich fast in einem Rutsch gelesen.

Beartown war für mich eine Überraschung. Weil es nicht dass war was ich erwartet oder befürchtet hatte und zweitens weil es trotz des Stilwechsels durchweg spannend war und ich immer mehr über diese Stadt wissen wollte. Damit ist Backman jetzt vermutlich endgültig einer der besten Autoren der letzten Jahre für mich. Punkt.


  1. zumindest wenn es um Figuren mit Namen geht, dann gibt es noch Figuren die einfach nur "Klubdirektor", "Der Bassist" oder XY's Vater/Mutter, obwohl auch diese nicht ganz 2-dimensional sind. ↩︎

  2. Erinnerte mich tatsächlich ein bisschen an diese eine Simpsonsfolge, in der viele kleine Stories in Springfield erzählt werden ↩︎