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"Empty your mind, be formless, shapeless — like water. ... Now water can flow or it can crash. Be water, my friend. Oder Kaffee. Kaffee ist auch gut. Mit einen kleinen Schuss Whiskey.— Bruce Lee, vermutlich"

Picknick am Wegesrand - Arkadi & Boris Strugazki

Dieses Buch habe ich vor ca. zwei Jahren bereits einmal begonnen und nach ziemlich genau der Hälfte abgebrochen. So richtig konnte ich mich nicht mehr erinnern warum ich es abgebrochen habe, konnte mich aber erinnern dass ich das Grundsetting sehr faszinierend und spannend fand.

Picknick am Wegesrand

Also worum gehts: Die Erde wurde besucht. Von Aliens. Vermutlich. Das weiß nämlich keiner so richtig, da niemand sie gesehen hat, nur ihre Hinterlassenschaften. In mehreren Zonen weltweit gibt es Bereiche die sich über Nacht verändert habe. Es gibt seltsame Phänomene und mysteriöse Artefakte. Und insbesondere letztere lockt Schatzjäger (Stalker) an, die diese bergen und gewinnbringend verkaufen. Ein gefährlicher Job, denn Naturgesetze scheinen keine Rolle mehr zu spielen und ein Trip in eine Zone ist mit hohen Risiko verbunden.

Klingt cool, nicht? Fand ich auch. Doch dann hab ich schnell rausgefunden warum ich das Buch damals nicht beendet habe.

Zum einen wäre da die Übersetzung.
Diese kommt aus den 70er Jahren und ist über weite Teile einfach nur grausig. Nicht nur dass Namen teilweise seltsam eingedeutscht - aus Redrick "Red" Schuhart wurde Roderic "Rotfuchs" Schuchardt [1] [2], auch die Schreibweise kommt direkt aus einen 70er Jahre Ruhrpott Tatort. Hier z.B. ein Satz ziemlich aus dem Anfang des Buches.

Er hätte auch nie und nimmer die nötige Pinke aufgebracht - und dann, wie hätte er den Kauf bewerkstelligen wollen, er, ein ausländischer Spezialist, noch dazu ein russischer! Doch plötzlich überlief es mich siedendheiß. Was fiel diesem Schurken ein? Glaubte er vielleicht, es ginge mir um die blauen Scheinchen? So ein verdammter Schuft, für wen hielt er mich eigentlich! Ich wollte schon den Mund aufmachen, um ihm die Meinung zu geigen - da stockte ich. - Seite 18

Der näçhste Punkt hängt vielleicht dann auch direkt mit der Übersetzung zusammen: Der Protagonist Red ist einfach komplett unsympathisch. Seine Dialoge und Gedankengänge haben dank der ausgewählten Sprache direkt die Stimme eines Martin Semmelrogge und lassen auch sein Verhalten sehr oft egoistisch und rücksichtslos erscheinen, obwohl das paradoxerweise oft im direkten Widerspruch zu seinen Handeln und Tun im Buch steht.

Und dann der letzte Grund, der ist aber eher psychologischer Natur und vermutlich sehr subjektiv: Das Ausgabe welches ich vor mir liegen habe ist unglaublich schlecht lesbar. Die ca. 200 Seiten haben nahezu keinen Zeilenabstand. Das Buch hat keine Kapitel, sondern ist in 4 Teile unterteilt [3] und dazwischen gibt es keinen richtigen Absatz. Dialoge sind mitten im Text vergraben und nur schwer von den vielen Gedanken des Protagonisten unterscheidbar. Von einer Zeile zur nächsten wechselt man Schauplätze, alles ein großer Textblock. Wie gesagt, subjektiver Kritikpunkt, mir persönlich nimmt sowas aber etwas den Spass am Lesen.

Aber: Trotz all dieser Punkte hab ich es dieses mal geschafft dieses Buch zu beenden - okay ist jetzt kein Grund zu applaudieren, grenzt schon eher an einer Novelle als an einem vollwertigen Roman.

Es wurde schon besser. In der zweiten Hälfte gab es einen kurzen Teil der für mich soviel spannender war als der gesamte Rest des Buches. In diesem Teil geht es nicht, bzw. nur kaum um den eigentlichen Protagonisten, sondern es ist eine Ausbruch zu einem anderen Blickwinkel. Und genau hier gibt es ein Gespräch mit einem Charakter, der eigentlich nur noch als dreiste Exposition bezeichnet werden kann - und in dem auch der Genre untypische Titel [4] der Geschichte erklärt wird. Ein ganz bisschen lässt es auch alles bisher-erzählte in einen anderem Licht erscheinen, wird rückwirkend logischer. Vielleicht konnte man sogar einige Dinge und Theorien mit diesen neuen Informationen anstellen. Aber auch nur vielleicht.
Roderic/Redrick wurde im letzten Drittel auch etwas interessanter, da die Strugazkis sich wohl entschlossen haben ihn auf einmal mehr Tiefe zugeben als in den gesamten 150 Seiten zuvor. Er ist immer noch recht anstrengend, allerdings auf eine interessantere Art.

Was bleibt zu sagen? Alles in allem finde ich die Grundidee immer noch sehr gut, leider wurde aus meiner Sicht viel Potential verschenkt. Die Figuren sind oft uninteressant und flach und die besten Momente waren entweder die Situationen in den Zonen, oder wenn wir aus dem Handlungsstrang ausgebrochen sind. Kann jetzt gut sein dass es in der Zeit der Erstveröffentlichung eine andere Wirkung hatte, die Figuren und gesellschaftlichen Annahmen bessere Wirkung hatten und mir auch der ein oder andere historische Kontext (immerhin handelt es sich um Autoren aus der damaligen Sowjetunion) entgangen ist, aber aus heutiger Sicht (und insbesondere in dieser deutschen Version) kann ich nicht ganz nachvollziehen wieso es als Klassiker der Science Fiction Literatur gilt.

Wertung: 2,5/5 Nullen, der halbe Extrapunkt kommt durch das Nachwort.

Exkurs: Das Nachwort

Aber das für mich eigentliche Highlight des Buches war das Nachwort von Stanislav Lem. Dieser ordnete diese Geschichte in einen literarischen Kontext des Science Fiction ein, verglich warum es für seine Zeit bahnbrechend war, etwa weil ausserirdische Invasionen immer Extrapolationen des menschlichen Geistes waren, mit dem Beispiel von Orson Welles Krieg der Welten. Eher ist es wahrscheinlich dass sich eine höhere Zivilisation wie sie in Werken dieser Zeit dargestellt worden sind sich eigentlich garnicht für uns als Mensch interessieren sollte.

"Da der Mensch kein Engel ist, besteht keine Notwendig keit, den »Anderen«< Engelhaftes zuzuschreiben; da nun der Mensch, obwohl er Fliegen erschlägt, nicht gerade zu diesem Zweck ans andere Ende der Welt vordringt, haben denn auch die >>Anderen<<, selbst wenn sie uns als Fliegen betrachten sollten, auf der Erde nicht allzu viel zu suchen." - Stanislav Lem im Nachwort

Sollte man als Leser Gefallen an der schwammigen Erklärung des Besuchs gefunden haben, ist es aber vermutlich besser, das Nachwort nach der Hälfte abzubrechen. Stanislav Lem bietet hier eine schlüssige Erklärung des Besuchs, auf Basis von Ockhams Rasiermesser - diese steht im Widerspruch zur angedeuteten Theorie im Buch, macht aber soviel Sinn dass man diese dem im Buch implizierten dem Vorzug gewährt.

Ausserdem noch ein Zitat, dass gut in die heutige Zeit passt. Die Diskretion der Wissenschaftler und Wissenschaft. Sei es nun ein Alienbesuch oder ein Pandemie:

Solche Menschen empfinden stark die Zweideutigkeit ihrer gesellschaftlichen Rolle. Für die Zivilisation, die aus den Früchten ihres Denkens aufgebaut ist, sind sie unentbehrlich, doch werden sie gleichzeitig ziemlich rücksichtslos von ihr behandelt. Die Gelehrten, von den politischen Kräften ihrer Entdeckungen enteignet, werden zugleich von der öffentlichen Meinung für die Folgen solcher Enteignungen verantwortlich gemacht. Das Bewußtsein dieser Lage stimmt nicht versöhnlich. Es weckt entweder Empörung oder Zynismus; wer aber die Empörung nutzlos und den Zynismus abscheulich findet, versucht, sich wie ein Stoiker zu verhalten. Er hat sich angewöhnt, das kleinere Übel zu wählen, und wenn man ihn mit Fragen in die Enge zu treiben versucht, antwortet er ausweichend oder spöttisch. Genau das ist die Haltung Doktor Pillmans, eine im Grunde defensive Haltung, die er bei dem Interview eingenommen hat, mit dem die Erzählung beginnt.

Anmerkung zur Übersetzung.

Und jetzt kommt noch der Teil der mich wirklich wirklich hart getroffen hat. Ich hab das Buch schon einige Zeit im Schrank stehen, lese es gerade nur weil es recht kurz schien (gemeine Falle wenn es keinen Zeilenabstand gibt) und ich die Zeit bis zum nächsten und letzten Expanse Buch überbrücken wollte. Habe aber bei der Recherche dieses Posts etwas gesehen was mich ein bisschen sauer gemacht hat... Am 13. Dezember - also in ca 2 Wochen von dem Zeitpunkt wo ich diese Worte schreibe - erscheint eine neue neue Übersetzung des Buches. Mit etwas Glück könnten also fast alle meiner Kritikpunkte (Übersetzung, Charakterzeichnung, Formatierung) nicht mehr relevant sein, das Buch also um einiges zugänglicher (vielleicht sogar besser?) werden. Einziger Nachteil, der neue Titel ist jetzt "Stalker", sehr schade, fand "Roadside Picnic" oder auch den deutschen Titel "Picknick am Wegesrand" ziemlich gut und altertümlich atypisch herausstechend. Und das Cover wurde leider auch verändert, sieht eher aus wie schlechtes Photoshop. [5]


  1. Und ja, vermutlich ist nicht die englische sondern die russische Originalausgabe hier der Ursprung der Übersetzung gewesen, dort heisst der Protagonist Рэдрик - ich spreche allerdings kein russisch. Laut Google Translate ist es phonetisch als auch in der Übersetzung eher ein Redrick. ↩︎

  2. Und um es noch komplizierter zu machen, in einer neuen Ausgabe mit neuer Übersetzung wird der Protagonist jetzt Red Shewhart heissen. Und ja... Neue Übersetzung. Komm ich noch zu. ↩︎

  3. 5 wenn man das Nachwort von Stanislav Lem mit einbezieht, welches man nicht skippen sollte ↩︎

  4. Persönlicher Funfact: Immer wenn ich an das Buch denke habe ich nicht "Picknick am Wegesrand", sondern "Picknick am Valentinstag" im Kopf. Ein früher australischer Film von Peter Weir. Ein Film den ich beim Sehen schon so anstrengend in der Erzählweise und Produktion fand, mich aber bis heute immer noch beschäftigt. Ich kann hier deutliche Parallelen zu diesem Buch ziehen. ↩︎

  5. Zumindest haben sie keine Raumschiffe auf das Cover gemacht. Its something. ↩︎

Cover: Picknick am Wegesrand

Аркадий Натанович Стругацкий

Picknick am Wegesrand

Suhrkamp,

1981
214 Seiten

ISBN: 3518371703 (ISBN-13: 3518371703)

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