Florenz Heldermann
"Tanz immer so als würden dich alle sehen"

Eines der Dinge die ich in den Wohnungen andere Menschen mag, ist, das Inspizieren des Bücherregals. Nicht nur dass man dabei viel über eine Person lernen kann [1], sondern auch ob es nicht eine Inspiration für einen selbst gibt. Eine gute Buchempfehlung, von jemanden den man kennt, wiegt für mich mehr als ein roter "Spiegel Bestseller" Aufkleber. Und da gibt es einige Bücher die halt immer wieder auftauchen. "Extrem laut und unglaublich nah" von Jonathan Safran Foer ist so ein Kandidat [2], "Hitchhikers Guide to the Galaxy" vermutlich auch. Und halt tschick von Wolfgang Herrndorf.

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Vor zwei Wochen kaufte ich es mir mit dem Gedanken dass "es so schlecht ja nicht sein kann, so oft wie ich es bereits gesehen habe" und "einen Film hat es ja schliesslich auch schon gegeben" [3]. Und heute morgen, unklar womit ich den Tag beginnen sollte, habe ich das Buch genommen und angefangen die Geschichte von Maik und seinen russischen Mitschüler Tschickk zu lesen, die sich aufmachten in einem geklauten Lada in die Walachei zu fahren.

Ca. 4h später las ich dann die letzte Seite und dachte "das war schön. Richtig schön". Das ist zum einen beeindruckend weil ich nicht weiss wann ich zum letzten Mal ein Buch von vorne bis hinten am Stück gelesen habe [4] und zum anderen aber auch nicht überraschend wenn man mit einer Nostalgie-Brille eines 37jährigen Mannes auf die Geschichte - erzählt aus der Perspektiven eines 14jährigen Jungen - blickt und sich genau so einen Roadtrip damals auch gewünscht hätte.

Einmal mit dem anderen Jungen, dessen Umgang mir meine Eltern vermutlich verboten hätten, auch ein Auto besorgen, einen Roadtrip durch Deutschland machen und irgendwie interessante Leute treffen. Unglaublich viele interessante Leute [5]. Subjektivität ist also bei meiner Meinung nicht gegeben. Und Filme/Bücher über Roadtrips und dem Begegnen anderer interessanter Menschen mag ich auch. David Lynch's The Straight Story zum Beispiel. Oder Im Juli von Fatih Akin. Oder Into The Wild.

Auf der Buchrückseite steht eine Kritik dass man noch in 50 Jahren dieses Buch lesen wird. Ich weiss nicht ob ich das so unterschreiben würde. Es ist kein "Der Fänger im Roggen", aber es war sicher eins: Unterhaltsam! Und dass fanden sicher auch all' die Leute die dieses Buch im Regal stehen hatten.


  1. Ein Regal ist als Reliquienaltar zu sehen. Wir stellen dort Dinge hin die uns gefallen und uns Freude bereitet haben oder es immer noch tun. Bilder, Pflanzen - und eben auch Bücher - die Art von Büchern die nicht in Schublade verschwinden oder im nächsten Bücherschrank oder "Zu Verschenken" Korb landen ↩︎

  2. In der Tat steht dieses Buch auch in meinen Regal, obwohl ich mich nicht erinnern kann es jemals gelesen zu haben oder mich auch am Entferntesten an seine Herkunft zu erinnere. Aber vielleicht ist dass ja bei jedem so, vielleicht hat sich ein Verlag einfach mal entschieden dieses Buch wahllos nachts in fremden Bücherregalen zu verteilen ↩︎

  3. Wobei ein vorhandener Film wirklich kein Qualitätsmerkmal ist. ↩︎

  4. Vermutlich war es "Das Parfüm" von Patrick Süsskind. Womit ich nicht sagen will dass es auf einer Stufe mit diesem Buch steht. ↩︎

  5. An einer Stelle besagt das Buch es selbst, die Chance nicht auf eine einzige schlechte Person zu treffen ist durchaus gering. Der Narrative wegen hab ich dies aber schon vorher einfach so akzeptiert. ↩︎

Aals ich zum ersten Maal ... _nein, stop, so fangen wir erst garnicht erst an, nochmal auf Anfang. Als ich zum ersten Mal von diesem Buch gehört habe, wollte ich es nicht so wirklich glauben. Ein Buch, welches sich mit Aalen beschäftigt, hochgelobt von der Presse, keine Fiktion oder Belletristik. Ein Buch über Aale. Wie kann das sein? Und jetzt, nach dem Lesen, versteh ich es. Das Evangelium der Aale ist ein großartiges Buch. Und nicht nur wegen der Aale.

Patrick Svensson - Das Evangelium der Aale

Vorab, ich habe keinerlei Vorinteresse am Thema "Aal" oder "Angeln" oder irgendwas was nur entfernt mit Fisch zu tun hat. Und dennoch hat mich das Buch von Seite 1 gefesselt.
Zum einen - ja - es geht um Aale. Herkunft, Metamorphose, Entwicklung, Geschichte. Und allein dass ist unglaublich spannend. Nein, wirklich, der Aal ist weit entfernt davon ein langweiliger Fisch zu sein [1]. Svensson schafft es Aristoteles und Sigmund Freud in diesem Buch unterzubringen. Ebenso wie Penisneid und der Frage was uns zum Menschen macht, was uns von Tieren unterscheidet und dem Sinn des Lebens [2].
Zwischendurch fragt man sich gelegentlich, was das ganze noch mit Aalen zu tun hat und dann kommt der Bogen zurück und man ist dem Fisch wieder etwas näher gekommen [3].

Und dann gibt es da noch diese persönlichen Kapitel, die Zeit in dem der Autor von der gemeinsamen Zeit mit seinem Vater erzählt. Wie sie Aale angeln gingen, sich vor dem örtlichen Angelverein versteckten, Reusen und andere Angeltechniken lernten und Nachts schweigend am Fluss saßen. In diesem Moment wird das Buch - nochmal: Ein Buch über Aale - super persönlich.

Vermutlich das beste Non-Fiktion Buch was ich in letzter Zeit gelesen haben und definitiv das beste über Aale.


  1. Umso trauriger dass er vom Aussterben bedroht ist ↩︎

  2. Auf letzteres gibt es leider keine Antwort, aber ehrlich, kurz dachte ich daran dass ich sie hier erfahren würde ↩︎

  3. Im Buch wird öfter Rachel Carson erwähnt, eine Autorin von Silent Spring, welche scheinbar sachliche Themen sehr gut mit Prosa vermischte, ohne irgendwie unwissenschaftlich zu sein. Vermutlich eine Inspiration für dieses Buch ↩︎

Vielleicht erinnert sich noch jemand an den Film Cube. In diesem Film ging es um eine Gruppe an Personen, die sich in einem Konstrukt aus diversen, würfelförmigen Räumen wiederfinden, jede mit eigenen Todesfallen. Nach einem seltsamen zweiten Teil namens Hypercube, folgte im Jahr 2004 ein sehr billig produzierter dritter Teil namens Cube Zero. Dieser spielt zeitlich vor den anderen Teilen und konzentriert sich größtenteils auf die Personen die den Cube, und die Insassen überwachen.

Trotz starken Low Budget Look, hat mir Cube Zero irgendwie gefallen [1]. Ein weiterer Film, der wieder eine Gruppe von Leuten zeigt, die wieder auf unnötig komplizierte Art und Weise zu Schaschlik verarbeitet werden hätte es nicht gebraucht. Und nachdem der zweite Teil das Mysterium des Sinns des Cubes auf höchst langweilige Art und Weise aufgeklärt hat [2], war der Ansatz auf die Personen hinter dem Kubus, hinter dem Experiment, einzugehen eigentlich eine ganz gute Idee.

Achtung: Ab jetzt kann es zu kleinen Spoilern für den ersten Teil, Wool, kommen.

Wieso rede ich jetzt über Cube, wenn es hier doch um den zweiten Teil von Hugh Howey's "Silo" Reihe geht? Weil Shift denselben Weg geht. Es ist ein Prequel und erzählt die Geschichte des Silos, wieso es diese gibt, wer sie gebaut hat, was mit der Welt passiert ist. Und es gibt einen Perspektivwechsel, ähnlich zu Cube Zero. Wir sehen - zumindest teilweise - hinter die Kulissen der Silos, die Sicht der Aufpasser, der Wärter, der Beobachter (einfach passende Beschreibung raussuchen, eins davon wird wohl stimmen.).
Und tatsäçhlich ist es Howey gelungen den Grund der Siloexistenz auf fast nachvollziehbare Art und Weise darzustellen.

Alles in allem hat mir der zweite Teil viel besser gefallen als Teil 1 - dem ich alles in allem eher bei 3.5 / 5 gesehen habe [3]. Shift war flüssig zu lesen, die Charaktere waren nachvollziehbar. Die 570 Seiten waren schnell durchgeblättert. Der Abstand zwischen Teil 2 und 3 wird vermutlich kürzer sein als zwischen 1 und 2. Stabile 4.5/5.


  1. Auch wenn er alles dafür getan hat, mir genau dies schwer zu machen. Softpornooptik, hölzerne Schauspieler, ein Antagonist aus einem Comicbuch, etc ↩︎

  2. Spoiler: Dies ist der Grund wieso ich Hypercube nicht mag. Teil 1 war "sie benutzen den Cube, weil es ihn gibt". Teil Zwei dann - "Ne, Militärexperimente oder so, who cares". ↩︎

  3. Ja, Dinge in Kommazahlen bewerten ist seltsam. Vermutlich werde ich demnächst entweder auf 10 Punkte oder ein einfache "Daumen hoch/runter" Prinzip wechseln ↩︎

Das war er, der vierte Teil der Murderbot Diaries - eine Serie die ich vor allem deswegen abgefeiert habe weil sie a) Murderbot Diaries heisst und b) Murderbot eigentlich seinen Job als SecUnit eher "als nervig aber muss gemacht werden" ansieht, eigentlich aber nur den ganzen Tag in Ruhe seine Serie gucken will. Da kann ich, und scheinbar auch viele Rezipienten auf Goodreads nur sagen: "Kenn ich".

Cover: Martha Wells - Exit Strategy - Murderdiaries #4

Dieser Teil - der gleichzeitig auch der letzte Teil der als Novelle/Kurzroman erschienen ist - war schonmal besser als Teil 3. Das lag daran dass die allgemeine Heldenreise nun zu einem Schluss kommt und dieser Teil nicht als Füller wirkt. Wir treffen wieder auf Figuren aus dem ersten Band und beenden mehr oder weniger den Storybogen. Auch ist es dieses mal kein "Murderbot trifft auf eine austauschbare Gruppe von Menschen, beschützt sie vor irgendwas", sondern eher ein "Murderbot trifft auf eine Gruppe etwas besser ausgearbeiteter, austauschbarer Figuren und rettet Sie vor irgendwas, was dieses mal aber Bezug zur Story hat und irgendwie wichtiger erscheinen ist".

Alles in allem war der Abschluss in Ordnung, aber als Serie wurde hier viel Potential nicht ausgeschöpft - qualitativ mit einer Netflix Produktion vergleichbar, die man beginnt, aber im Mittelteil auch mal einfach sein Smartphone rausholt und rumsurft und was anderes macht, da es sich nirgendwohin zu entwickeln scheint..

Die Geschichte geht zwar jetzt in einer richtigen Romanreihe weiter, bin mir aber noch nicht sicher ob es weiter verfolge. Im Bereich SciFi gibt es vermutlich besseres.

Vor einigen Wochen suchte ich ein Buch dass man auch "zu Zweit" lesen konnte. Vorlesen, Mitlesen, Diskutieren, etc. Kurz darauf sah ich dieses Video von Merphy Napier und einen Tag und eine epidemiebedingte Click-and-Collect Bestellung in einer örtlichen Buchhandlung [1] später hielt ich es in meinen Händen. Aufgrund von "Is' halt so" fiel der ursprüngliche Grund des Kaufes allerdings aus, aber das hat mich nicht davon aufgehalten dieses Buch zu lesen. Und: Was soll ich sagen - es war großartig.

Es hätte 6 Sterne verdient, weil ich sonst nie mehr guten Gewissens etwas ein 5-Sterne Rating geben könnte.

Ein Mann namens Ove
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Dieses Buch ist jetzt kein Geheimtipp: Das Buch war der Durchbruch für Backman, die Fachpresse hat sich weltweit überschlagen. Die gleichnamige Verfilmung gehört zu den erfolgreichsten Filmen Schwedens und eine Hollywood Adaption mit Tom Hanks ist wohl auch in Arbeit.

Um die Ausgangssituation zu beschreiben - es geht um einen Mann namens Ove (wow), dessen Charakter für mich eine Mischung aus Clint Eastwood's Protagonist in Gran Torino und Dr Sheldon Cooper ist und in einer Reihenhaus Siedlung in Schweden lebt. Mehr will ich nicht sagen, sollte ich aber noch eine Contentwarnung für das Thema "Selbstmord" aussprechen.

Ich will garnicht großartig auf die Geschichte eingehen. Empfehle sogar - sofern möglich - nichts über das Buch zu lesen und den Klappentext zu ignorieren und es einfach auf sich zukommen zu lassen. So hab ich das Buch mehr oder weniger konsumiert und wurde an manchen Stellen stark überrascht wohin die Geschichte sich entwickelt.

Das erste Viertel fand ich nur ganz unterhaltsam. Einfache Vorstellen der Figuren und des Settings - unspektakulär aber unterhaltsam, Teile der Geschichte kamen mir aus dem bereits erwähnten Gran Torino bekannt vor. Und dann, nachdem die wichtigsten Figuren und Eigenschaften etabliert waren, passierte es: Ich habe noch nie bei einem Buch soviel lachen müssen - nur um dann ein paar Seiten, manchmal auch nur Zeilen - später mit Tränen* zu kämpfen. Manchmal auch gleichzeitig. Und dass ist keine Übertreibung, so starke emotionale Emotionen hat kein Buch zuvor bei mir ausgelöst.
Tragödie und Komödie, so gut vereint, gepaart mit herzerwärmenden Charakteren. Wie gesagt: 5+1 Sterne


  1. Ich denke Amazon hat schon genug an mir verdient, weswegen ich diesen Laden gerade Stück für Stück aus meinem Leben verbanne. Späte Einsicht, aber vielleicht nicht zu spät ↩︎